Es stimmt, was die Leute sagen - das Leben ist ungerecht, vor allem zu Dir. Und ich kann Dir nur einen Trost bieten: Was Du in all dem Leid und der Einsamkeit zustande bringst, wird Deine Verzweiflung und unsere Grausamkeit bei weitem überdauern.[...]So gesehen, werden wir auf lange Sicht alle gewinnen. Und deshalb entschuldige ich mich im Namen aller, denen Du jemals begegnen wirst, im voraus für allen Kummer, den wir Dir bereiten werde. Dir stehen harte Zeiten bevor, Kleiner. Du bist gewarnt.

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Montag, 8. Dezember 2008

"Nach Gelesenem und Gehörtem"

Es gibt so Augenblicke, die man nicht mehr vergessen kann. Die hat man wie ein Foto im Gedächtnis eingeschweißt. Oder auf jeden Fall bleiben sie einem mehr oder weniger authentisch mehr oder weniger lange hängen. Wenn man die Augen schließt, ist es da, das Bild.
Und es gibt Ohrenblicke oder eher Ohrenlausche, die man auch nicht mehr vergisst. Das sind meist Gesprächsfitzel, die man aufgeschnappt hat von anderer Leute Unterhaltungen. Das geht mir recht oft so und ich schleppe dann relativ lange diese Wortfetzen mit mir herum. Zum größten Teil sind es blöde Dialoge oder lustige manchmal oder halt schockierende, so wie dieser gestern in der M2.
Es saßen zwei Jungs und ein Mädel, vielleicht Anfang 20, am Fenster. Das Mädchen macht die Jungs halb aufgeregt auf das Plakat für eine Veranstaltung in Zusammenhang mit Edgar Allan Poe aufmerksam. Vielleicht ein Theaterstück. Der eine Typ: "Hm... Poe, das ist doch dieser Schriftsteller." Sie: "Ja, genau." "Was hat der denn so geschrieben?" Der andere Typ: "Na, die Sache mit dem Raben, da!" "Kenn ich nicht. Was'n noch so?" Stille. Sie: "Na, hat der nicht... oder... ja... Christmas Carol!" Der andere Typ: "Ach ja, Christmas Carol." Der eine Typ: "Kenn ich nicht."

Autsch, dachte ich, autsch! "Christmas Carol" schallte es noch ewig in meinem Ohr, während die drei zu ihrem eigenen Glück, das Gespräch bestimmt schon wieder vergessen hatten.

Montag, 1. Dezember 2008

Ein Buch

Vor einigen Jahren bin ich anlässlich eines Norwegischkurses mit dem Schriftsteller Erlend Loe in Kontakt gekommen. Natürlich nicht persönlich, also sagen wir, ich bin mit seinem Werk in Kontakt gekommen, namentlich mit dem kurzen Roman Naiv.Super. Seitdem trage ich ihn irgendwie in meinem Kopf mit mir herum.
Der Plot dreht sich um einen 25jährigen Mann, der in eine Sackgasse seines Lebens geraten ist und sich nun selbst befreien muss und sich selbst ordnen muss.
An soviel kann ich mich zumindest erinnern, und außerdem noch daran, dass ein roter Ball, ein Fahrrad und ein Hämmerchenspiel weitere Hauptrollen einnehmen.

Lange hab ich gedacht, dass Naiv.Super. nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, aber doch. Es ist, aber der deutsche Titel "Die Tage müssen anders werden, die Nächte auch" zeigt mir schon, dass ich den Übersetzer am liebsten an die Wand stellen möchte, noch bevor ich überhaupt eine Zeile gelesen habe.
Ein Vergleich der Buchcovers ist noch einen Zacken erschreckender. Wer sich das ausgedacht hat, hat wohl a) das Buch nicht gelesen und b) den Kurs "Wie gestalte ich Buchdeckel, so dass er Käufer abschreckt, das Buch in die Hand zu nehmen?" cum laude bestanden!?


Eine kleine Leseprobe in eigener Übersetzung:

"Das ist genau das, was ich brauche.
Ein bisschen Zeit, um zur Ruhe zu kommen.
Mein Leben ist in letzter Zeit merkwürdig geworden. Es gelangte an einen Punkt, an dem ich das Interesse für das ganze verloren hatte.
Mein 25. Geburtstag. Das ist ein paar Wochen her.
Mein Bruder und ich aßen Mittag bei unseren Eltern. Gutes Essen. Und Kuchen. Wir plauderten über dies und das. Plötzlich überraschte ich mich selbst, indem ich meinen Eltern vorwarf, dass sie mich nie dazu gezwungen haben auf einem hohen Niveau Sport zu treiben.
Das war vollkommen absurd.
Ich sagte idiotische Sachen. Dass ich heute ein Profi hätte sein können. Und eine Formkurve gehabt hätte. Und Geld. Dass ich ständig auf der Reise sein könnte.
Ich machte den Fehler zu sagen, dass es ihre Schuld war, dass ich es nicht zu etwas gebracht hatte und dass mein Leben unengagiert und langweilig ist.
Ich habe mich danach entschuldigt."

Sonntag, 3. August 2008

Välkommen till Världens tråkigaste Paradis!



"Wir dagegen", lässt Swedenborg den Satan fortführen, "glauben an das, was wir sehen können, und lieben, was wir anfassen dürfen. Daran glaube ich, weil ich es sehe und fühle. Doch anderes Spielwerk werden wir durchs Fenster hinaus, treiben es fort mit einer Lachsalve!" (Nachwort von Hans-J. Hube in: Swedenborg, Emanuel: Himmel und Hölle)

Donnerstag, 24. Juli 2008

Ingo Schulze für Amica

Ach nee, ich meinte Jochen Schmidt.
Bekanntermaßen bin ich kein großer Fan der Person/Persona Jochen Schmidt, aber so gern ich auch möchte, gegen seine Texte kann ich nichts sagen. Die sind meist gut, auch wenn Jochen live immer am lautesten über seine Witze lacht und schon vor der Pointe anfängt zu kichern, als wolle er uns andeuten, dass wir uns schon mal darauf einstellen sollten, dass es jetzt lustig wird.
In meiner lächerlich schlaflosen Nacht gestern habe ich dann nicht schlecht gestaunt und anfänglich gehämt, dass Jochen Schmidt jetzt also einen Artikel für die Amica geschrieben hat. Aber auch hier steckt viel Wahres in seinen Worten, die in vielleicht ein bisschen verwirrteren und unzusammenhängenderen Sätzen vom Mann-sein (na gut, davon weiß ich nun nichts - so gar nichts) und von der Beziehung zwischen den Geschlechtern erzählen. Mystifizierung der Frau und unmotivierte Erwähnung des Mauerfalls dürfen natürlich nicht fehlen. Wir reden ja immer noch von Amica und von Jochen Schmidt. Zu guter letzt kann ich nur schlussfolgern, dass Männer und Frauen nicht so unterschiedlich sind, wie Mario Barth es dem geistigen Prekariat weismachen will. Selbst wenn Jochen natürlich nicht für alle Männer spricht, sein "wir" immer nur als "ich" gelesen werden kann. Ich glaube ganz fest daran, dass Männer und Frauen sich doch auf irgendeinem Level verstehen, auch wenn es definitiv nicht die Ebene der verbalen Kommunikation ist.
"[...]Unsere Flirtstrategie war immer abseits des Trubels zu sitzen und traurig zu gucken, weil dann jede sehen konnte, wie tief wir waren und wie glücklich sie uns und damit auch sich machen würde. Sind wir deshalb nie angesprochen worden? Lange haben wir uns von der Behauptung täuschen lassen, Frauen wünschten einen Mann mit Humor, was aber nur galt, bis wir das erste Mal über sie lachten. Wir hätten gern Sex ohne Gefühle, wie die Frauen in Sex and the City, aber wir haben Gefühle ohne Sex.
Wir sind überall von Männern umgeben, die Frauen sind immer woanders. Seit unserer Kindheit sehen wir sie in bunten Kleidern am Horizont vorüberhuschen, nie haben wir uns gefragt, wohin sie gingen, wenn wir nachmittagelang Fußball spielten. Wir fühlen uns immer noch am wohlsten, wenn wir das tun. Vor allem danach in der Kneipe, wenn wir uns von Frauen erzählen, die wir mit einem Betäubungspfeil erlegen müssten, um ihnen einmal näherzukommen; wenn wir uns das Sorgerecht erklären und denjenigen Trost spenden, die zuletzt verlassen worden sind. Man muss sich treu bleiben, dann kommt schon die Richtige, sagen wir uns, oder sollten wir an uns arbeiten und einen Hornhauthobel anschaffen? Inzwischen vergeht die Zeit. Wir werden schon nostalgisch, wenn das Landbrot plötzlich 1,89 Euro kostet, weil uns diese Zahl an den Mauerfall erinnert, der uns damals gar nicht interessierte, weil wir verliebt waren.
Wir verlieben uns immer in die Falsche und meistens unter Niveau. Aber gibt es eine schlechte Wahl in der Liebe, oder muss nicht immer schlecht gewählt werden, um zu lieben? Es unterfordert uns doch, wenn sie nicht so kompliziert sind wie wir. Wir bilden uns nämlich ein, sie besänftigen zu können, indem wir zu ihnen sprechen wie der Pferdeflüsterer. Aber man kann die Welt nicht ändern. Oder die Welt vielleicht, aber keine Frau. Deshalb werden wir immer der bleiben, den man fragt, ob er mal rückt.
Unser größtes Talent ist, ein guter Nachbar zu sein, aber davon kann man nicht leben. Wir haben ein gestörtes Verhältnis zu Tätigkeiten, die nicht unserer Vervollkommnung diesnen. Wenigstens im Beruf wollen wir uns nicht verbiegen, wir überlegen, ob es Prostitution wäre, für eine Frauenzeitschrift zu schreiben. Frauen loben uns, weil wir so authentisch sind, bevor sie uns bitten, ihr Glas zu halten, weil sie sich in die Arme des Nächsten stürzen, der sie ausnutzen wird. Im Kino verdecken sie uns dann die Sicht, wenn sie ihren neuen Freund küssen.
Wir hängen immer noch dem Irrtum an, Frauen, die uns abweisen, hätten uns durchschaut, und Frauen, die uns wollen, hätten uns missverstanden. Wir haben alles getan, ihr zu gefallen, und dann hat sie uns gesagt, dass wir irgendwie zu perfekt waren!" (Amica, August 2008)